Wilfried Kürschner / Michael Laages (Radio Bremen)

 

»Schneeelefant und Grislibär bei Pommes mit Majonäse« – Ein Plädoyer für die Rechtschreibreform

 

 

Radio Bremen 2 – Journal am Morgen

1996-11-05, 08:19 Uhr

 

 

Acht Uhr, gleich neunzehn Minuten, Sie hören das Journal am Morgen auf Radio Bremen 2 und wenn Sie es geschrieben sehen, das Journal, dann würde es immer noch mit J und ou vorne geschrieben und daran würde sich wahrscheinlich in absehbarer Zeit auch nichts ändern. Sie ahnen schon, es ist von der Rechtschreibreform die Rede, und wer in den vergangenen Wo­chen sich bestä­tigt fühlte darüber, dass die wesentlichen unter den deutschen Poeten entweder immer aus dem Mustopf, kommen oder politische Debatten über Jahre ver­schlafen, um dann um so heftiger auf die Trommel zu hauen, der konnte sich beruhigt zurücklehnen und sagen: Ja, ja, die Dichter, erst kriegen sie nichts mit und dann schreien sie so laut. Wir wollen reden über die Rechtschreibreform und über die Reaktionen auf das, was an Reaktionen aus Dichterkreisen kam, mit Professor Dr. Wilfried Kürschner. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Sprachwissenschaft und germanistische Linguistik an der Universität in Vechta. – Herr Kürschner, haben Ihnen die Dichter ir­gendwie auch Spaß gemacht?

 

Ja. Guten Morgen zunächst mal, Herr Laages. Das hat mir großen Spaß bereitet, insbe­sondere das Heft des »Spiegel« vor zwei, drei Wochen zu lesen mit dem Titelblatt »Schwach­sinn Rechtschreibreform – rettet die deutsche Sprache«.

 

Das war das Titelbild, wo Günter Grass eine belgische Fahne trug, nicht.

 

Richtig, ja. Die Streifen quer zu dem, wie das bei uns der Brauch ist. Ganz recht. Also, ich habe einerseits das mit einem gewissen Vergnügen gelesen, weil ich mich bestätigt fand darin, dass über die Rechtschreibreform von sehr wenig informierten Kreisen häufig gesprochen wird und dass sich die Debatte beschränkt auf einige wenige Wörter, die neu geschrieben werden müssen, dass man aber nicht das Gesamtwerk der Neuregelung in den Blick nimmt, um dann zu einer ausgewogenen und gerechten Be­urteilung zu kommen.

 

Woran liegt denn das nun aber, wenn Sie sagen, dass so wenig Leute wissen, worüber sie reden. Heißt das auch, dass zu wenig und zu schlecht über die Reform an sich und grundsätzlich informiert worden ist?

 

Das kann man eigentlich nicht sagen. Die Informationsmöglichkeiten waren in großer Zahl gegeben. Es gab Broschüren, teils aus dem Institut für deutsche Sprache, einem unabhängigen staatlichen Institut, das an der Reform maßgeblich mitgewirkt hat und sehr ausführlich informiert hat. Dann gab es eine Reihe von Broschüren aus dem Dudenverlag, der natürlich ein besonderes kommerzielles Interesse an der Reform und an ihrer Ausbreitung hat. Es gab eine Anzahl von Büchern auf unterschiedlichem Ni­veau und für unterschiedliche Benutzerkreise. Man kann nicht sagen, dass man nicht ausführlich in­formiert war. Es gab auch in Rundfunksendungen jetzt ja, wenn ich Ihr Konkurrenzun­ternehmen »Radio Niedersachsen« nennen darf, eine Rätselserie, in de­nen das dargestellt wurde. In den Zeitungen war davon die Rede. Man kann natürlich immer sagen, ich fühle mich nicht informiert, wenn man Sachen nicht zur Kenntnis nimmt, das geht uns ja in anderen Gebieten auch so. Aber wer sich hätte informieren wollen, der hätte das meiner Ansicht nach sehr gründlich und sehr ausführlich tun kön­nen.

 

Eine Freundin von mir, Linguistin in Kiel, behauptete immer, und damit meinte sie eigentlich mehr die gesprochene als die geschriebene Sprache, dass sich Sprache ohnehin vor allem als work in progress erweise, das heißt, immer wieder und mit gewissen Ab­ständen ohnehin immer wieder neue Regeln sozusagen selbst gebiert, die dann auch irgendwann mal formuliert werden und bei der Rechtschreibung ja doch relativ lange drauf warteten, dass sie formuliert wurden.

 

Ja, das ist ganz richtig, was Ihre Freundin dort geschildert hat. Es ist allerdings im Be­reich der Rechtschreibung, insbesondere in unserer Sprache, in unserem Staat, leicht anders. Das ist ein Gebiet, das wie in kaum einem anderen Land der Welt geregelt und von staatlicher Seite in Bahnen gelenkt worden ist und weiterhin gelenkt wird, sodass die Innovations­freudigkeit bei der Rechtschreibung eigentlich sehr gering ist. Der Rahmen, innerhalb dessen man abweichen kann, der ist gering, er wird vorgegeben oder wurde vorgege­ben vom Duden, und wer sich nicht daran gehalten hat, hat eigentlich Fehlschreibungen begangen oder hat sich Fehlschreibungen schuldig gemacht, sodass die Innovationen, die jetzt aufgegriffen werden, eigentlich das Nachvollziehen von Re­gelabweichungen sind. Also insofern ist die Rechtschreibung bei uns mit einem beson­deren Status versehen, der sie unterscheidet von den übrigen Sprachentwicklungen.

 

Das macht die Debatte auch so schwierig, wenn Sie sagen, sozusagen die Regelabwei­chung werden jetzt aufgegriffen, man sagt dann vielleicht auch sanktioniert, und der Konservative, der streng Konservative sagt: Ja, jetzt dürfen wir alles machen, was wir früher falsch gemacht haben, und das ist der Fortschritt, na aber ...

 

Ja, genau das ist – da treffen Sie den Nagel auf den Kopf – die Meinung vieler, die sich gegen die Rechtschreibreform aussprechen ist: Es wird jetzt alles – wie Sie es auch gerade formuliert haben – freigegeben. Das ist erstens gar nicht der Fall, sondern die Reform fällt für manche viel zu sanft und zu zahm aus. Darüber könnte man aber noch mal ge­sondert reden. Es ist sicherlich so, dass nur ganz wenige Wörter hinsichtlich ihrer Buch­stabenzu­sammensetzung jetzt anders geschrieben werden. Ich habe vorhin mitgehört, Sie spra­chen vom Grislibär und von der Majonäse, wobei es bei der Majonäse übrigens schon immer so war, dass man sie in der eingedeutschten Form schreiben konnte. Dies ist gar keine Neuerung, die jetzt durch die Reform zustande gekommen ist, sondern eine schon stets gewährte Freiheit, mit Nugat (das ist übrigens ein zweiter Fall), es ist wie gesagt interessant, dass die Neuerungen sich im Bereich der Speisenbezeichnungen ab­spielen. Also bis hin zu Ketschup und Schikoree und andere essbare Dinge, auch die Stän­gel, was jetzt auch mit ä geschrieben werden darf. Ich komme zurück zu Ihrer Frage. Man meint, dass man – und das ist ein zweiter Punkt – dass man weiß wie früher ge­schrieben wurde, und sobald man mit Leuten darüber ins Gespräch kommt oder ihnen eines dieser fiesen Diktate gibt, das so genannte kosogsche Diktat oder andere Testsätze von Dieter E. Zimmer aus der »Zeit«, dann schlagen die Leute mit Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen und sagen, oh je, so hätte ich das schreiben müssen, ich hab das doch eigentlich immer anders geschrieben, oder die Behauptung ist dann: Das habe ich ja noch nie gesehen.

 

Ist es vielleicht – sozusagen eine Verschärfung der Frage –, ist es vielleicht ein Problem bei uns hier zu Lande, dass es als Makel, und zwar als ziemlich existenzieller Makel gilt, wenn man das nicht kann. Man kann doch trotzdem leben und es funktioniert ja auch ziemlich gut?

 

Ja, das hängt mit dem zusammen, was ich vorhin sagte, diese Überbetonung der Recht­schreibung durch Schule und dann auch das spätere Leben. Denn eigentlich rechtlich gesehen gilt die Rechtschreibung natürlich nur für die Schule und für die Behörden, aber sie hat de facto Kraft für das ganze Leben oder das schreibende Leben bei uns, jeden­falls was die Einschätzung angeht. Man stelle sich vor, dass man einen Bewerbungsbrief voller Rechtschreibfehler, also Abweichungen von der Schulorthografie, abschickt. Es kann einem passieren, dass man sehr rasch seine Bewerbungsunterlagen zurückbe­kommt, weil der Personalchef sie gar nicht weiter ansieht, vorausgesetzt er kann die Rechtschreibung. Das ist ja ein zweiter Punkt, wir machen uns Vorstellungen darüber, wie richtig geschrieben werden sollte, und diese Vorstellungen sind häufig falsch. Wenn wir dann in den Duden, der bisher maßgeblich war, hineingucken und voller Entsetzen (das geht mir oder ging mir eigentlich sehr häufig jetzt auch noch so) feststellen müssen, oh Gott, ich hatte ja immer falsche Bilder von der Schreibung im Kopf.

 

Das heißt aber, dass man sozusagen, nennen wir es mal Angleichungen, Normierun­gen und Einebnungen von Unterschieden, die immer als Nivellierung und damit als ne­gativ bezeichnet werden, eigentlich offensiv und positiv sehen könnte.

 

Ja, das möchte ich vorschlagen, dass man die Gesamtneuerungen insgesamt in einem günstigen Licht betrachten sollte, weil es möglich ist. Es gibt natürlich noch immer Un­gereimtheiten, die auch aufgrund von Gegebenheiten unserer Sprache gar nicht aus­merz­bar sind oder zum Teil eben von den Reformern nicht mit genügender Durchset­zungskraft vielleicht in Vorschlag gebracht worden sind. Denn man muss noch eins be­denken: Die Reform ist auf der Grundlage von Vorschlägen der Rechtschreibreformer vollzogen worden. Abstimmungsberechtigt am Ende waren allein Ministerialbeamte und andere staatliche Beamte, die dann die Entscheidung darüber getroffen haben. Das ist nicht nur ein sprachwissenschaftlich-theoretisches Werk, sonst hätte es womöglich anders ausge­sehen, sonst hätten wir wahrscheinlich auch die gemäßigte Kleinschrei­bung bekommen. Aber das wurde politisch gleich abgeblockt, und das zeigt, wie stark die Rechtschreibung in unserem Sprachgefühl drin ist, als Identifikationsmerkmal, als ein Mittel der Konser­vierung unserer Geschichte. Das will ich alles gar nicht abwerten, aber diese Funktion hat die Rechtschreibung auch, und das setzt den reformerischen Bemühungen enge Grenzen. Und dann noch die Abstimmung zwischen den unter­schiedlichen Staaten, in denen das Deutsche als Sprache verwendet wird, da waren si­cher eine ganze Reihe von Vorgaben zu beachten.

 

Reden wir noch mal ein bisschen praktisch und pragmatisch. Der Blick auf das Jahr 2005, wo sie denn dann gelten soll, denn vermutlich zieht ja doch der Protest der Poeten eher vorbei, ein kleineres Stürmchen und schon nach zwei Wochen redet ja im »Spie­gel« kaum noch jemand davon. Zum Beispiel diese Übergangsfrist bis 2005, wie kann man die am intelligentesten nutzen, durch schnelle Anpassung, durch langsames Ange­wöhnen oder wie?

 

Also, ich würde vorschlagen, dass man sich in die Rechtschreibreform hineinbegibt. Man wird sicherlich nicht als – wenn ich so sagen darf – normaler Schreiber auf einen Schlag die sechs Gebiete, in denen die Änderungen sich vollziehen, intus haben. Son­dern man wird vielleicht mit dem Teil beginnen können, der am augenfälligsten ist. Das ist die Um­wandlung gewisser ß-Schreibungen in Doppel-s. Wie in der Schweiz, aller­dings nicht ganz so weitgehend. In der Schweiz ist das ß ja insgesamt abgeschafft. Bei uns bleibt es erhalten, hinter langen Vokalen, also wenn man sich das mal vielleicht an einem Bei­spiel klarmacht: Das Floß mit ß weiterhin, aber der Fluss floss, also der Strom floss mit Doppel-s.

 

Das ist ja wieder Blödsinn.

 

Ja, das kann man so sehen. Allerdings, wenn Sie sich das vor Augen führen, dass das ß jetzt den Zweck hat, den vorausgehenden Vokal immer als Langvokal zu charakterisie­ren. Stellen Sie mal vielleicht die alte Schreibung Fuß und Fluß nebeneinander, das wird beides mit ß am Ende geschrieben. Und das eine Mal müssen wir das u lang spre­chen wie in Fuß und das andere Mal wie in Fluss sprechen wir ein kurzes u. Für Auslän­der, die unsere Sprache erlernen, wird es in Zukunft einfacher sein. Sie können diesen Schrei­bungen ansehen – und Kinder in gleicher Weise –, ob es sich um einen langen Vokal handelt, wie in Floß, oder ob, wenn zwei s geschrieben werden, floss zu sprechen ist. Man kann es so und so sehen. Wir haben im­mer bei dieser Debatte, meine ich, die Schreiberseite im Blick: Wo fällt es uns schwer oder leicht zu schreiben? Man muss bei der Rechtschreibung auch immer den komple­mentären Blick haben, auf den Leser, der geschriebene Texte entschlüsseln und sie zum Teil, beim Vorlesen etwa, auch foneti­sieren muss. Und für den ergeben sich in dieser Hin­sicht einige Erleichterungen. Des­halb meine ich auch, man muss das ganze Werk als Ba­lance zwischen diesen beiden Bedürfnissen, den Bedürfnissen des Schreibers und des Lesers, sehen, und die Änderun­gen gegeneinander abwägen.

 

Konstruktive Beiträge also und nicht Proteste aus dem Mustopp. Das war Professor Wil­fried Kürschner, Lehrstuhlinhaber für allgemeine Sprachwissenschaft und germanis­tische Linguistik an der Uni in Vechta. Vielen Dank.