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2000-Sep-05, 15
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Glorifizierende Fehleinschätzung der alten Schreibung

Anläßlich des Erscheinens des neuen Rechtschreibdudens bemerkt Heike Schmoll in der Glosse „Rechtschreibchaos“ (F.A.Z. vom 26. August): „Das Chaos vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung ist perfekt.“ Als Belege nennt sie „kaum nachvollziehbare Schreibungen“ wie „wohlverdient“, aber „wohl versorgt“, das Nebeneinander von „hoch begabt“ und „hochbegabt“, von „Schwindel erregenden“ und „schwindelerregenden Höhen“. Nun sind alle diese scheinbaren Duden-Ungereimtheiten mit den Regeln der reformierten Rechtschreibung zu rechtfertigen – wenn man gewillt ist, sich auf sie einzulassen: In den beiden erstgenannten Fällen ist Steiger- und Erweiterbarkeit des Erstgliedes (durch „sehr“ und ähnliches) Kriterium für Getrenntschreibung, im dritten Fall ist, vereinfacht gesagt, die Tatsache, daß die ganze Konstruktion steigerbar ist („am schwindelerregendsten“), ausschlaggebend für die Möglichkeit der Zusammenschreibung.

Daß Schreibungen wie die zitierten plausibel sind, belegt auch das kurz vor dem Duden als Konkurrenzprodukt auf den Markt gebrachte „Rechtschreib-Wörterbuch“ von Theodor Ickler: Sie sind alle auch bei ihm, dem vielleicht prominentesten und streitbarsten, auf jeden Fall aber bestinformierten  Reformgegner, vorgesehen. Dies gilt ebenfalls für die in dem Artikel „Viel versprechend, aber nicht vielversprechend“ von Kurt Reumann aus dem Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung angeführten Belege (F.A.Z. vom 10. August): Auch nach Ickler kann man „wiedersehen“, „schwerfallen“, „vielversprechend“, „bekanntmachen“, „kaltstellen“, „hochgestellt“, „vielversprechend“ und sogar „frischgebacken“ getrennt schreiben, so daß dann die Bedeutungsunterschiede zu „wieder sehen“, „schwer fallen“ und so fort eingeebnet werden. Genau dieser Verlust an Differenzierungsmöglichkeiten war, wie Reumann ausführt, der inhaltliche Hauptgrund für die Rückkehr der F.A.Z. zur alten Rechtschreibung. Ickler selbst spricht in dieser Angelegenheit allerdings mit gespaltener Zunge: In seiner Besprechung des neuen Rechtschreibdudens (F.A.Z. vom 11. August) bezeichnet er die Getrenntschreibung von „wiedersehen“ als „Irrtum“ und „Fehler“, läßt sie aber, wie gesagt, in seinem Wörterbuch ausdrücklich zu. Das verstehe, wer kann.

Professor Dr. Wilfried Kürschner, Vechta