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2001-Feb-17
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 41, S. 49 / Briefe an die Herausgeber

Früher nannte man es Kauderwelsch

In ihrem Bericht »Beirat für deutsche Rechtschreibung bündelt Erfahrungen mit neuen Regeln« (F.A.Z. vom 7. Februar) hebt Heike Schmoll hervor, daß die F.A.Z. »zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt ist«. Doch dies gibt nur die halbe Wahrheit wieder. Denn die Zeitung hat seit dem 9. Januar auch die aktuelle Rechtschreibung wiederaufgenommen, wie sie seit 1996 in den Schulen gelehrt und gelernt, in der Staatsverwaltung geübt, in der großen Mehrzahl der Print- und Bildmedien praktiziert und von einer immer größer werdenden Zahl von erwachsenen Schreibern verwendet wird.
Die neue Schreibung findet sich im FAZ.NET (www.faz.net), dem Internetauftritt der Zeitung mit seinen Online-Informationen und -Diensten. Lediglich die gedruckte Ausgabe erscheint sowohl auf Papier wie in der ins Netz gestellten Fassung noch in der alten Rechtschreibung des Duden 1991. Begründet wird die orthographische Rück-Rückumstellung von der FAZ.NET-Chefredaktion mit der Feststellung, daß sich die Haltung der Druckausgabe, die alte Orthographie zu verwenden, »in der komplexen, vernetzten und sekundenschnellen Welt des Internets nicht durchsetzen« lasse. Die FAZ.NET-Redaktion stützt sich »in ihren Angeboten zum Beispiel auf eine Vielzahl von umfassenden externen Datenbanken, in denen die neue Rechtschreibung angewendet wird« (so in der »Intern«-Mitteilung »FAZ.NET in alter und neuer Rechtschreibung« vom 7. Januar).
Bei der Entscheidung der FAZ.NET-Redaktion wird wohl auch eine Rolle gespielt haben, daß »die Inhalte der Redaktion sich an die Zielgruppe der neunzehn- bis neununddreißigjährigen, gut ausgebildeten Nutzer wenden, denen ein optimaler Service geboten werden soll«, wie im »Redaktionellen Kodex - Leitlinien der Berichterstattung« unter Punkt IV ausgeführt wird. Man ist also offenbar der Ansicht, daß diese Zielgruppe mit der neuen Rechtschreibung vertraut ist, daß diese für sie die moderne Schreibung ist, während die alte Orthographie die altmodische Schreibung gewisser älterer oder umstellungsunwilliger Menschen darstellt. Wie die Druckausgabe unter dieser Voraussetzung noch lange bei der alten Schreibung bleiben kann, wenn ihr die jungen, älter werdenden Leser davonlaufen, ist eine gar nicht allzu spannende Frage.
Ob es aber nötig war, zugleich mit der Rückkehr zur neuen Orthographie die Anglisierung, gegen deren Übertreibung die F.A.Z. doch bisher immer wacker angeschrieben hat, voranzutreiben, ist mehr als fraglich. Man lese dazu die Aussage, die auf den oben aus der »Intern«-Mitteilung zitierten Satz folgt: »Texte im schnellen Nachrichtenbereich Uptoday sowie in den Servicekanälen Investor, Book, Travel, Active und My FAZ.NET sind deshalb nach der neuen Rechtschreibung geschrieben, wie die Nachrichtenagenturen sie definiert haben.« Früher hätte man dies Kauderwelsch genannt, heute erscheinen die schicken englischen Begriffe auf den Knöpfen, sorry: den Buttons, von »The first smart site«, wie sich FAZ.NET auf einem der eingeblendeten Banner selbst anpreist.

Professor Dr. Wilfried Kürschner, Vechta