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2003-Jan-11
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2003, Nr. 9 / Seite 37

Dahintergekommen

Zum Brief „Juristen sind keine Sprachwissenschaftler“ von Leser Klaus Pielsticker (F.A.Z. vom 4. Januar): Daß der Jurist Professor Dr. Bernd Rüthers im Artikel „Willkür in den Worten“ (F.A.Z. vom 23. Dezember) keine Belege für die behaupteten schädlichen Folgen der Rechtschreibreform auf die Gesetzgebung, die Rechtsprechung und die juristische Lehre gibt, ist an sich schon ein Manko - schlimmer noch ist aber die Tatsache, daß er seine These auf eine äußerst schmale empirische Grundlage stellt, die überdies kaum tragfähig ist. Alle seine Beispiele stammen aus dem Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung. Rüthers stellt die falsche Behauptung auf, die Kultusminister hätten „die Getrenntschreibung zusammengeschriebener Wörter zur generellen Regel“ erhoben, und will dies an vier Beispielen demonstrieren. Von diesen sind drei falsch: Die Wörter „zusammengekommen“, „zusammenfinden“, „(etwas) vorhersagen“ werden weiterhin zusammengeschrieben - natürlich gibt es daneben mit anderer Bedeutung die Getrenntschreibung „zusammen (gemeinsam) kommen“, „zusammen (gemeinsam) finden“ und „vorher (etwas) sagen“. Lediglich bei „dahinterkommen“ hat der Verfasser recht. Offenbar durch ein Versehen wird in der amtlichen Neuregelung die Getrenntschreibung gefordert, auch dann, wenn die Fügung in übertragener Bedeutung im Sinne von „etwas herausfinden“ gebraucht wird.

Wäre Rüthers Sprachwissenschaftler, würde er aber weiterfragen, ob die Nichtdifferenzierung denn tatsächlich so schädlich ist, wo sie doch in der Struktur des Deutschen systematisch angelegt ist, dort nämlich, wo der Satzbau die Trennung der beiden Bestandteile verlangt. „Die Frau kam dahinter“ bedeutet nämlich beides: „Die Frau ist dahintergekommen“ und „die Frau ist dahinter gekommen“. Der Zusammenhang klärt, was gemeint ist.

Professor Dr. Wilfried Kürschner, Vechta