Germanistik. 14. 1973. S. 15/15.

 

78          Fragen der strukturellen Syntax und der kontrastiven Grammatik. – Düsseldorf: Schwann (1971). 262 S. 8° = Sprache der Gegenwart. Bd. 17. Br. DM 18.–

 

Die sechs ersten Beiträge des Bandes behandeln Probleme der Syntax des Dt. aus struktureller Sicht: Auf der Grundlage einer Chomsky-TG untersucht O. Leys ausführlich die syntaktischen und semantischen Eigenschaften von Sätzen mit eingebetteten Infinitivkomplexen, die von um, ohne, statt eingeleitet werden. – In einem ähnlichen Rahmen stellt J. Lerot die Verbalkomposition dar und weist die Schwierigkeiten einer Transformationsanalyse in einer Grammatik mit syntaktischer Tiefenstruktur nach, die in einer zu entwickelnden satzsemantisch fundierten Grammatik behoben werden könnten. – Ebenfalls auf der Grundlage der TG untersucht W. Abraham den sog. ethischen Dativ. Er grenzt ihn von anderen Dativkonstruktionen ab und bezieht zu seiner Erklärung auch neuere Fragestellungen (Textsyntax, Referenzfragen) mit ein. – J. M. Zemb fragt nach dem semantischen Wert der Satzglieder im dt. Satz und skizziert drei Möglichkeiten, ihn zu erfassen. Die dritte ist am aussagekräftigsten, da sie die Thema-Rhema-Gliederung miterfaßt. – In vier Thesen formuliert J. Fourquet seine Ansichten über Einzelfragen der Satzgliedfolge und die Verbindungen der Satzglieder zueinander. Auch er geht auf Thema-Rhema ein. – Von der Theorie der funktionalen Satzperspektive ausgehend, prüft E. Beneš, welche thematischen oder rhematischen Elemente vor dem finiten Verb im Aussagesatz stehen können; Fragen der Stilistik und Textlinguistik kommen dabei in den Blick.

Der zweite Teil des Bandes umfaßt Vorträge eines 1970 abgehaltenen Symposiums über kontrastive Grammatik: Carstensens Untersuchungen zum Einfluß des Engl. und des Dt. (1965) ergänzt und detailliert H. Kuhn in einigen Punkten der Lehnsyntax, Lehnwendungen, Lehnbedeutungen. – H. L. Kufner beschäftigt sich thesenartig mit dem Verhältnis deskriptive-kontrastive Grammatik: Die Qualität einer kontrastiven Grammatik hängt von den vorliegenden deskriptiven ab; gegenwärtig kann sie nur für den Anfängerunterricht verfaßt werden; sie kann nur Interferenzfehler erfassen; sie schreibt keine Methodik vor; sie erfaßt Semantisches kaum; sie sollte sich auf Oberflächenstrukturen beschränken. Die Aufstellung einer pädagogischen Grammatik, in der linguistische und psycho-pädagogische Gesichtspunkte relevant sind, wird knapp skizziert. – Die kontrastive Grammatik als eine der Grundlagen für die Fehleranalyse behandeln G. Nickels programmatische Ausführungen. Er fordert insbesondere die Herstellung eines Katalogs, in dem Fehlertypen und ihre Bewertung hierarchisch geordnet werden sollen. – M. Wandruszka weist angesichts der Bemühungen, bes. der TG, sprachliche Strukturen in Regeln zu formulieren, darauf hin, daß Sprachen asystematische Eigenschaften hätten, die durch einfache Regeln nicht zu fassen seien. Gerade diese Eigenschaften müßten in einer ›Intergrammatik‹ exemplarisch dargestellt werden. – Eine allgemeine Einschätzung des Wertes kontrastiver Analysen für den Fremdsprachenlehrer unternimmt A. Peck. Er äußert sich besonders zu Interferenzproblemen. – S. Kanocz formuliert die Wünsche des Praktikers an die kontrastive Grammatik und berichtet über audiovisuelle Deutschkurse für Engländer, die z. T. von ihm verfaßt worden sind. – (Die Beiträge sind im vorliegenden Heft einzeln verzeichnet.)

 

Wilfried Kürschner, Tübingen