Germanistik. 14. 1973a. S. 526/527.

 

2997      Gauger, Hans-Martin: Durchsichtige Wörter. Zur Theorie der Wortbildung. – Heidelberg: Winter 1971. 192 S. 8° = Bibliothek der allgemeinen Sprachwissenschaft. Br. DM 38.–; LW. DM 44.–

 

G. wendet hier die Prinzipien der ›bewußtseinseigenen Sprachuntersuchung‹ von ›Wort und Sprache‹ (1970; vgl. Germanistik. 11. 1970. Nr. 2493) auf die Wortbildung an. Das umfangreiche Untersuchungsmaterial stammt hauptsächlich aus dem Franz. und Span.; trotzdem ist das Buch als Beitrag zur allg. Theorie der Wortbildung auch für Germanisten von Interesse.
Nach einem einleitenden Kap. werden aufgrund der formalen Konstitution durchsichtiger Wörter unterschieden: Wortzusammensetzungen und Affix (= Präfix- und Suffix-)Bildungen, denen die Subtraktive (nach anderer, von G. abgelehnter Auffassung: Nullsuffix-Bildungen) gegenüberstehen. Dem formalen Aufbau entsprechen die inhaltl. Merkmale der Einheit (das Wort) und der Gliederung (als Kombination von Elementen, die auch außerhalb einer Bildung vorkommen und auf die die Bildung verweist). Nach Ausführungen über Programm und Norm in der Wortbildung erarbeitet G. im umfangreichsten 5. Kap. die drei nicht ganz einfach zu definierenden Leistungen des durchsichtigen Wortes: Ausgriff (z. B. la pomme – le pommier; das abgeleitete Wort intendiert ein Ding, das mit dem im Grundwort genannten Ding zusammenhängt [S. 70]). Verschiebung (z. B. tendre – la tendresse, das abgeleitete Wort gehört immer einer anderen Wortart als das Grundwort an und enthält zusätzlich die Klassenbedeutung dieser Wortart, hier: ›Substantivität‹ [S. 74]), Variation (z. B. la maison – la maisonette; das abgeleitete Wort intendiert eine ›Variante des vom Grundwort gemeinten Dings‹ [S. 106]). Durch die Zuordnung von Leistung und formaler Konstitution werden sieben Typen der Durchsichtigkeit festgestellt; ausgreifende Suffixwörter, (immerausgreifende) Präfixwörter ... variierende Suffixwörter (S. 136). Im letzten Kap. formuliert G. zusammenfassend die Aufgaben der Wortbildungslehre und geht auch auf methodische Fragen wie Sprach- und Übersetzungsvergleich, auf Probleme der Sprachkritik ein.

G. legt mit diesem Buch wiederum einen sehr eigenständigen Beitrag vor, der sich in vielem entschieden und auch polemisch gegen Vorstellungen wendet, die in der Wortbildungslehre generell akzeptiert scheinen; bes. in seinem Exkurs über die Zusammensetzung lehnt er etwa Ansätze, die Wortbildung syntaktisch anzugehen, strikt ab. – Mir mißfällt die häufige metaphorisierende und uneigentliche Redeweise, die es oft schwer macht, den Autor beim Wort zu nehmen, – trotzdem ein anregendes, diskutierenswertes Buch.

 

Wilfried Kürschner, Tübingen