Germanistik. 14. 1973c. S. 767.

 

4237      Beiträge zur Textlinguistik. Hrsg. von Wolf-Dieter Stempel. – München: Fink (1971). 302 S. 8° = Internationale Bibliothek für allgemeine Linguistik. Bd. 1. Br. DM 19.80; Lw. DM 36,–

 

In bestimmten einflußreichen linguistischen Schulen, besonders auch in der transformationsgrammatischen, galt es lange Zeit als ausgemacht, daß der Satz als oberste sprachliche Einheit zentraler Untersuchungsgegenstand sei. Seit einigen Jahren sind verstärkt Bemühungen zu verzeichnen, diese Einschränkung des Objektsbereichs der Linguistik in Richtung auf eine Textlinguistik hin zu überwinden. Wie der erweiterte Untersuchungsbereich zu fundieren und zu definieren sei, welche methodischen Probleme zu erkennen und wie sie möglicherweise zu lösen seien und in welchen Beziehungen eine Textlinguistik zu den traditionellen Textdisziplinen (Literaturwissenschaft, Stilistik usw.) stehe: das waren Fragen, die schon 1968 bei einem Konstanzer Kolloquium über ›Möglichkeiten und Methoden der transphrastischen Analyse‹ erörtert wurden. Der vorliegende Band enthält (im vorliegenden Heft einzeln verzeichnet) 7 Referate des Kolloquiums und – besonders interessant – die umfangreichen Protokolle der 4 thematisch gegliederten Diskussionsrunden, in denen die oft kontroversen Auffassungen (Linguisten, Sprachphilosophen, Literaturwissenschaftler) besonders deutlich werden.

Die ersten beiden Referate beschäftigen sich mit dem sprachwissenschaftl. Ort und der Fundierung der Textlinguistik. P. Hartmann stellt den Text ab ›originäres sprachliches Zeichen‹ und damit als eigentlichen Gegenstand der Linguistik heraus und weist auf einige daraus resultierende forschungsstrategische und methodische Konsequenzen hin. – Aus sprachphilosoph. Sicht versucht S. J. Schmidt, Geschichte – analog zum Sachverhalt bei Wittgenstein verstanden – und Text im übergreifenden Zusammenhang einer Handlungstheorie zu fundieren und daraus Konsequenzen für die linguist. Analyse und Semantik abzuleiten.

Die nächsten zwei Beiträge behandeln linguist. Aspekte von narrativen Texten. Am Beispiel eines Märchens demonstriert W.-D. Stempel, wie die Zeitfolge (Diachronie), die in einem Text wiedergegeben wird, strukturell erfaßt und dargestellt werden könnte. – J. Rychner zeigt an einem altfranz. Roman die Gliederung eines Textes in Sequenzen und analysiert die morpholog. Charakteristika von Sätzen in solchen Sequenzen.

Mit der Frage, wie sich ein Text konstituiert und wie sich Konstitutionsbezüge erfassen lassen, beschäftigen sich R. Harweg und U. Figge. Harweg geht davon aus, daß die Anaphorik grundlegend für die Textkonstituierung sei, und beschreibt die Rolle der Betonung in anaphorischen Prozessen. – Figge bestreitet demgegenüber, daß Texte allein durch die Beschreibung von Anaphorik und Satzjunktion erfaßt werden könnten. Diese seien mögliche, aber nicht notwendige sprachliche Mittel zum Ausdruck eines einheitlichen Kommunikationsgegenstandes: Durch diesen würden Sequenzen/Texte konstituiert.

Die knappen Thesen E. Coserius zum Thema ›Sprache und Dichtung‹ gehen von einer wesentlichen Identität beider aus und weisen auf einige sprach- und literaturtheoret. Konsequenzen dieser Annahme hin. Für die Textlinguistik seien literarische Texte modellhafte Untersuchungsobjekte, weil sich in ihnen die Sprache in ihrer ›funktionellen Vollkommenheit‹ zeige.

 

Wilfried Kürschner, Tübingen