Germanistik. 14. 1973e. S. 783/784-

 

4355      Zifonun, Gisela: Zur Theorie der Wortbildung am Beispiel deutscher Präfixverben. – (München:) Hueber (1973). 201 S. 8° = Linguistische Reihe. Bd. 13. Br. DM 22.–

 

Die Fortschritte diverser Grammatiktheorien auf syntaktischem und semantischem Gebiet haben auf die theoretische Reflexion der Wortbildungs-(WB-)Lehre des Dt. erstaunlich wenig Einfluß gehabt. In ihrer Heidelberger Diss. von 1970 unternimmt es nun Z., am Beispiel von Präfixverben mit be-, ent-, er-, ver-, zer- aktuelle syntaktische und semantische Theorien auf ihre Beschreibungskraft in bezug auf WB-Phänomene zu überprüfen. Nach einleitenden Kapiteln über linguistische Theoriebildung und mögliche Darstellungsmodelle der WB wird zunächst, basierend auf Hjelmslevs Trennung von Ausdrucks- und Inhaltsseite, die ausdrucksseitige (syntaktische) WB-Lehre behandelt: Heringer Syntaxmodell des Dt. könne, wenn es entsprechend erweitert, modifiziert und verbessert wird, zur Ableitung von Präfixverben und zur Beschreibung ihres syntaktischen Verhaltens (bes. Wertigkeitsveränderungen) verwendet werden. Die Paraphrasen-Konzeption der TG lehnt Z. ab, u. a. weil hier Semantisches als Teil der Syntax behandelt werde. Vor der Darstellung der Inhaltsseite von Präfixverben setzt sich Z. mit einigen gängigen semantischen Theorien auseinander: Eine prädikatenlogische Beschreibung der Bedeutung (wie etwa bei Brekle) sei ungenügend, dagegen sei eine Gebrauchsbeschreibung unter Einbeziehung der Sprechakttheorie erfolgversprechend. Zu dieser Beschreibung gelangt Z., indem sie Satzpaare, die Basisverb bzw. Präfixverb enthalten, vergleicht und die dabei konstatierbaren semantischen Verhältnisse objektsprachlich in Form von Gebrauchsbedingungen formuliert. Umfangreiche Listen schlüsseln im Anhang das Material, das der vorherrschend theoretischen Diskussion zugrunde liegt, auf. – Die Arbeit zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß für die WB-Lehre relevante linguistische (Teil-)Theorien kompetent diskutiert und gegenüber abgewogen werden und daß Z. ihre eigene Theorie explizit darlegt und anwendet. Die Ausarbeitung ist methodisch konsequent und geht am Rande auf viele aktuelle Themen der linguistischen Diskussion ein.

 

Wilfried Kürschner, Tübingen